Kommen wir also zu Melatonin. Dem Schlafhormon. Aber warum das denn? Weil sich die Hinweise darauf häufen, dass Melatonin und die Mastzellen, unsere ältesten Zellen, eine ziemlich interessante Connection haben.
„Ich kann nicht schlafen.“ Das ist eines der Top-Five Probleme, die in der von mir administrierten Facebookgruppe MCAS, Mastozytose und Hit zur Sprache kommen. Bevorzugt so gegen zwei Uhr nachts. Das ist insofern dumm, weil Schlaf nicht verhandelbar ist, wie alle guten Therapeut:innen betonen, die ich kenne. Melatonin und die Mastzellen, stöhne ich dann innerlich sofort. Meine erste Antwort ist in der Regel aber eine Frage. Nämlich, ob eine gute Schlafroutine eingehalten wird. Blueblockerbrille, keine Gadgets vor dem Schlafen gehen, keine anstrengeneden Diskussionen, kein Essen nach 19 Uhr, zur gleichen Zeit aufstehen, und zu Bett gehen, und so weiter . . . Über all das habe ich by the way mit Dr. Corinna Geiger im Interview Schlaf, Stress & Immunsystem gesprochen.
Fakten rund um Melatonin und die Mastzellen
Wenn dann die Antwort kommt, dass an dieser Achse schon alle Schrauben gedreht wurden, kommt Melatonin als Mastzellregulierer ins Spiel. Und zwar bis 5 mg – das ist eine physiologische Dosis, wie etwa auch die funktionelle Medizinerin Dr. Simone Koch betont, und war auch für mich persönlich ein totaler Gamechanger. Allerdings war es bei mir ein Präparat namens Melachron (unbezahlte Werbung), das das Hormon pulsierend die ganze Nacht über abgibt. Wie wesentlich die pulsierende Abgabe bei Schlafproblemen ist, betont auch Dr. Jan-Dirk Fautek im Interview mit Dr. Kleine-Gunk zum Thema. Das Schlafhormon hat nämlich eine wirklich kurze Halbwertszeit. Dr. Fautek, eine Chronobiologie-Spezialist, hat übrigens auch ein Buch zum Thema Melatonin publiziert.
In meiner Recherche ist mir dann auch der kanadische Mediziner Dr. John Gannage begegnet. Er beschäftigt sich mit funktioneller Medizin, ist MCAS-Spezialist, und hat dazu eine Menge wirklich interessanter Informationen gesammelt, auf die ich jetzt gezielt eingehe.
Was Melatonin eigentlich ist und wie es im Körper wirkt
Melatonin ist ein Hormon, das in der Hauptsache von der Zirbeldrüse in unserem Gehirn produziert wird. Allerdings kommt es auch in anderen Körperbereichen vor, etwa dem Darm, dem Knochenmark, den Augen, und eben den Mastzellen. Bekannt ist es als Schlafhormon, das der Körper als Reaktion auf Dunkelheit produziert. Es hilft uns beim Einschlafen. Sein natürliche Feind ist, no na, das Licht. Licht blockiert die Produktion. Und ja, auch ein einmaliges Aufdrehen des Lichts beim nächtlichen Pinkeln kann das verursachen. Was tut dieses Hormon noch? Es unterstützt den Schlaf-Wach-Rhythmus, Stichwort innere Uhr, und entspannt. Nicht grundlos werden Melatoninpräparate gern bei schlaftechnisch problematischen Situationen wie Jetlag oder Schichtarbeit eingesetzt.
Die unterschätzte Kraft als starkes Antioxidans
Melatonin unterstützt unsere mitochondrale DNA. Oder um noch klarer zu werden: Es kann bei der Regulierung des Blutdrucks und des Blutzuckers helfen. Es gibt eine Studie zur Körpertemperatur, eine Studie zur Augengesundheit, eine Untersuchung zu Reflux, eine zu Migräne und sogar eine Studie zu Tinnitus.
Warum die Mastzellen selbst Melatonin freisetzen können
Ja, das Schlafhormon wird hauptsächlich von der Zirbeldrüse produziert. Es kann aber auch von den Mastzellen synthetisiert und freigesetzt werden. Und da sind wir auch schon bei dem eingangs erwähnten Zusammenhang (gut hat ein bisschen gedauert). Denn das deutet auf die wichtige Beziehung zwischen beiden hin. Die Mastzellmembran verfügt über viele Rezeptoren für Stoffe im Körper, die sie regulieren oder aktivieren können. Ein bekanntes Beispiel: Östrogen kann die Mastzellen aktiveren. Es gibt dazu einen Gastartikel zum Thema PMS von Dr. Gannage. Ein anderes, das das Gegenteil bewirkt, ist das Melatonin. Es reguliert die Mastzellen nachweislich herunter und sorgt dafür, dass weniger Histamin und andere Botenstoffe ausgeschüttet werden.
Melatonin triggert die Maszellen nicht
Nicht selten höre ich trotzdem: „Aber Melatonin triggert doch die Mastzellen.“ Nein, das tut es nicht. Es aktiviert die Mastzellen nicht.
Die Verbindung zwischen Melatonin, den Mastzellen und der Zirbeldrüse
In einer 2021 im Journal of Pineals Research publizierten Studie haben die Forscher herausgefunden, dass die Mastzellen nicht nur eine Rolle beim Schutz des Körpers vor Krankheitserregern und Entzündungen spielen, sondern auch eine entscheidende im Schlafzyklus. Yep, richtig gelesen. Die Studienautoren schlagen als Conclusio vor, sowohl Histamin als auch Melatonin gezielt einzusetzen, um den zirkadianen Rhythmus wiederherzustellen und mastzellbedingte Krankheiten zu reduzieren.
Die Mastzellen besitzen Melatonin-Rezeptoren
Schauen wir uns eine weitere Studie an, zugegeben eine Tierstudie aus 2010, publiziert vom Pharmacological Research. Darin zeigte sich, dass Mastzellen MT1- und MT2-Melatoninmembranrezeptoren besitzen. Das ist aber noch nicht alles. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die Aktivierung von Mastzellen zur Melatoninsynthese und -sekretion führen kann. Und das wiederum könnte heißen, dass dieses Hormon dabei helfen kann, Entzündungsreaktionen, die durch Mastzellen verursacht wurden, zu regulieren. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt schon eine Übersicht, die 2017 im International Journal of Edocrinology veröffentlicht wurde. Deren Quintessenz: Entzündungswege werden reguliert, Entzündungen reduziert.
Wie chronischer Stress wirkt
Die Mastzellen besitzen Stressrezeptoren. Sprich, auch Stress kann die Freisetzung von Mastzellen und Histamin auslösen und zu Symptomen führen. Auch hier kommt Melatonin ins Spiel. Es scheint stressbedingte Reaktionen wie Hautprobleme reduzieren zu können. Eine 2005 in Acta Histochemica veröffentlichte Tierstudie ergab, dass die Behandlung damit dazu beitragen kann, die stressbedingte Degranulation von Mastzellen in der Dermis zu verringern. Und ja, Tiere sind keine Menschn, ich weiß.
Der Einfluss auf allergische Hautreaktionen
Du leidest unter Ekzemen, Dermatitis, Asthma und anderen allergischen Erkrankungen Krankheitsbildern? Melatonin kann dazu beitragen, diese Reaktionen zu reduzieren, wie folgende zwei Studien bestätigen. Zum Einen trägt Melatonin dazu bei, die Mastzellen vor chemischen Reizen und den damit verbundenen Entzündungsreaktionen zu schützen, wie eine 2013 im Journal of Neuroimmunology veröffentlichte Studie zeigt. Zum anderen kann es dabei unterstützen, Entzündungsreaktionen bei allergischer Rhinitis zu reduzieren, wie eine im Journal of Basic and Clinical Health Sciences veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2020 zeigte.
Welche Rolle das Schlafhormon bei chronischen Krankheiten spielt
Ein niedriger Melatoninspiegel wird mit vielen Krankheiten in Verbindung gebracht, darunter neurodegnerative Erkrankungen und Krebs. Ein interessanter Hint ist hier, dass auch die Aktivierung von Mastzellen mit Krankheiten in Zusammenhang gebracht wird. Allerdings braucht es weitere Forschung, um zeigen, ob diese Verbindung ein zentraler Bestandteil dieser Krankheiten ist, etwa bei Alzheimer oder Multipler Sklerose (MS).
Die Empfehlungen von Dr. John Gannage
Was rät nun der funktionelle kanadische Mediziner Dr. John Gannage, um den Melatoninspiegel auf ein gutes Level zu bringen?
„Die mit Abstand wichtigste Empfehlung, die ich geben kann, ist die Vermeidung von künstlichem Licht und Bluescreens bis weit in die Nacht hinein. Es ist wichtig, elektronische Geräte eine Stunde vor der geplanten Schlafenszeit auszuschalten. Lichtverschmutzung kann die Melatoninproduktion dramatisch beeinträchtigen.“
Dr. John Gannage
Auch eine gute Idee meint er: mehr melatoninreiche Lebensmittel zu sich zu nehmen. Das sind etwa Sauerkirschen, Goji-Beeren (Achtung Nachtschattengewächs), Eier, frischer fetten Fisch (z. B. Lachs), Pistazien, Weintrauben und Pilze.
Die Supplementation in der Praxis
Was sagt Gannage zu einer Supplementation? Er ist absolut dafür, und rät zu 3 mg Melatonin etwa 2 Stunden vor dem Schlafengehen. Wobei er empfindlichen Personen rät, „niedrig zu beginnen und langsam zu steigern“.
Welche Dosierung sinnvoll ist
Konkret heißt das, mit 1 mg zu starten, und dann schrittweise zu erhöhen. Ebenfalls eine Option, sagt Gannage sei 5-HTP. „Serotonin ist eine Vorstufe von Melatonin und 5-HTP ist die Vorstufe von Serotonin. Wenn du einen niedrigen Serotoninspiegel hast, kann es ein Vorteil sein, zunächst 5-HTP einzunehmen, bevor du direkt Melatonin einnimmst“, so Gannage. Wobei er an dieser Stelle auch noch auf folgenden Fakt hinweist: „Bei Patient:innen mit MCAS und Histaminintoleranz treten oft Darmprobleme auf, und Darmprobleme können zu niedrigen Serotoninspiegeln führen. Allerdings: „Wenn du SSRI- oder SNRI-Medikamente einnimmst, ist es wichtig, dass du vor der Einnahme von 5-HTP deinen Arzt konsultierst.“ Was vor der Einnahme von Supplementen im Übrigen immer eine gute Idee ist.
Frequently Asked Questions (FAQs)
Retardierte Melatonin-Präparate (oft als Timed Release oder Sustained Release bezeichnet) geben den Wirkstoff verzögert und über einen längeren Zeitraum ab. Dadurch wird der Melatoninspiegel länger aufrechterhalten als bei einer sofort freisetzenden Form. Pulsierend freigesetztes Melatonin (wie Melachron) ahmt hingegen die biologische Arbeitsweise der Zirbeldrüse nach: Es gibt den Wirkstoff nicht in einer flachen Dauerschleife ab, sondern stößt ihn im Laufe der Nacht in mehreren gezielten, wellenartigen Schüben (Pulsen) aus. Ein Teil des Melatonins wird sofort freigesetzt, während der restliche Anteil schubweise über einen längeren Zeitraum abgegeben wird. Dieses Prinzip wurde entwickelt, um den natürlichen zeitlichen Verlauf der nächtlichen Melatoninversorgung stärker nachzuahmen.
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Dieses Phänomen könnte mit dem zirkadianen Rhythmus zusammenhängen. Auch Mastzellen unterliegen einer inneren Uhr, die ihre Aktivität und die Freisetzung von Entzündungsmediatoren beeinflusst. Studien zeigen, dass die Histaminkonzentration im Blut einem Tagesrhythmus folgt und insbesondere in den frühen Morgenstunden erhöhte Werte erreichen kann. Bei Patient;innen mit Mastzellerkrankungen wurden in einer Untersuchung die höchsten Plasmahistaminwerte ungefähr um 2 Uhr morgens gemessen. Auch bei allergischen Erkrankungen wurde ein Histamin-Peak zwischen etwa 2 und 6 Uhr beschrieben. Gleichzeitig befindet sich Cortisol in der zweiten Nachthälfte noch auf einem niedrigen Niveau und beginnt erst anzusteigen. Dadurch treffen in den frühen Morgenstunden mehrere circadiane Faktoren aufeinander, die die mastzellvermittelte Symptomatik wie Herzrasen, Hitzegefühl, innere Unruhe oder plötzliches Aufwachen beeinflussen.
Quellen:
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2, Nakamura, Y., Ishimaru, K., Shibata, S., & Nakao, A. (2017). Regulation of plasma histamine levels by the mast cell clock and its modulation by stress. Scientific Reports, 7, 39934.
Ja, viele frei verkäufliche Melatonin-Gummibärchen, Schmelztabletten oder Sprays enthalten künstliche Aromen, Farb- und Konservierungsstoffe oder Alkohol. Diese können bei einer Histaminose (Histaminintoleranz) oder einem MCAS die Mastzellen triggern. Sicherer sind reine, hypoallergene Kapseln ohne unnötige Füllstoffe oder spezielle, pulsierende Reinsubstanzen, die ohne allergene Bindemittel auskommen.
Ja, in der Regel gibt es zwischen Melatonin und modernen, nicht-sedierenden Antihistaminika der 2. Generation (wie Desloratadin oder Fexofenadin) keine bekannten klinischen Wechselwirkungen. Im Gegenteil: Da Antihistaminika die H1-Rezeptoren blockieren und Melatonin die Mastzellen direkt an der Membran stabilisiert und herunterreguliert, können sich die beiden Ansätze in der Praxis bei nächtlichen Histaminschüben sinnvoll ergänzen. Bitte sprich die kombinierte Einnahme bei einem komplexen MCAS dennoch vorab mit deiner behandelnden Praxis ab.
Quelle: Fexofenadine + Melatonin: Allegra + Melatonin: Can You Take Them Together?
Quellen & Literatur
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Ein wichtiger Hinweis: Um den Melatoninspiegel zu erhöhen, braucht es eine funktionierende Umwandlung von Serotonin in Melatonin. Diese Umwandlung beruht auf Schlüsselnährstoffen als Cofaktoren. Das sind Zink, Magnesium, B12 und Folsäure. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, einen Mikronährstofftest im Vollblut zu machen, um etwaige Mängel aufzudecken und aufzufüllen.
💡 Hinweis: Dieser Artikel basiert auf sorgfältiger journalistischer Recherche, aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlicher Erfahrung. Er dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Eine Haftung für daraus abgeleitete Handlungen wird ausgeschlossen.


3 Comments
Eflodur
21. September 2023 at 19:29Die ausgeprägten Antidepressivaintleranzen bei Mcas wären an dieser Stelle zu erwähnen.
Alexandra Binder
21. September 2023 at 20:43Bitte sag mir gern genauer, in welchem Zusammeng das steht, dann nehme ich es auf in den Text.
Uta
16. Oktober 2024 at 21:00Sehr hilfreicher Artikel … Vielen Dank dafür!