Medizinisches & Hintergründe

Reizdarm, Histamin und Mastzellen

Eine Frau sitzt völlig fertig auf der Toilette. Symbolbil zum Thema Mastzellen, Histamin und Reizdarm.

Aufgebläht? Verstopfung? Durchfall? Eines davon, oder alle im Wechsel? Du kennst das? Wir sprechen quasi von deinem Alltag namens Reizdarm? Dann ist jetzt der Augenblick, um sich damit zu bechäftigen, wie Reizdarm, Histamin und Mastzellen interagieren. Denn das könnte der Missing Link im Hinblick auf deine Beschwerden sein, sagt der kanadische Mastzellspezialist Dr. John Gannage.

Ich habe in meiner ärztlichen Praxis einerseits Hunderte von Menschen mit einer Histaminose (i. d. Folge umgangssprachlich Histaminintoleranz) mit Reizdarm-Symptomen gesehen. Andererseits finden sich genausoviele Reizdarm-Patient:innen ein, die nach histaminreichem oder histaminfreisetzendem Essen verstärkte Symptome wahrnehmen. Kann das wirklich ein Zufall sein? Eher nein. Denn immer mehr Forschungsergebnisse bestätigen einen Zusammenhang zwischen Reizdarm, Histamin und Mastzellen.

Die Rolle von Gluten im Hinblick auf Reizdarm, Histamin und Mastzellen

Du bist Reizdarm-betroffen? Dann hast du vielleicht schon bemerkt, dass bestimmte Lebensmittel stärkere Beschwerden auslösen, als andere. Kurz gesagt ist das wirklich so. Heisse Kandidaten in diesem Zusammenhang sind Weizen oder ganz generell Gluten. Löst sich das Problem also mit einer einer Elimination von Gluten? Nicht mit Sicherheit. Denn die Symptome einer Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität und einer Histaminintoleranz können sich erstaunlich ähneln.

Hoch verarbeitete Lebensmittel sind ein Problem

Die Krux daran: Glutenhältige Lebensmittel sind oft hoch verarbeitet und haben zudem einen hohen Histamingehalt. Fakt ist allerdings auch: Gluten kann die Freisetzung von Zonulin erhöhen, einem Protein, das die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut reguliert. Und ein erhöhter Zonulinspiegel kann dann wiederum zu einer Darmpermeabilitäts-Störung (Leaky-Gut-Syndrom) führen. Kommt es dazu, erhöht sich das Risiko einer Histaminintoleranz als auch das für reizdarmähnliche Verdauungsbeschwerden. Folglich ist die Sache komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Glutenhältige, hoch verarbeitete Tiefkühltorte aus dem Supermarkt: Symbolbild zum Thema Reizdarm, Histamin und Mastzellen.
Greif lieber nicht zu glutenhältigen, hoch verarbeiteten Produkten wie Supermarkt-Torten.

Reizdarm (RDS): Unter RDS versteht man eine häufige chronische Verdauungsstörung, die den Dickdarm betrifft. Allerdings fällt RDS nicht unter chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED). Und es besteht auch kein Zusammenhang mit anderen Darmerkrankungen. Dennoch zeigt sich diese Gruppe von Verdauungsbeschwerden ohne eine andere Darmerkrankung vielfältig: Es gibt RDS mit Verstopfung (RDS-C), RDS , Durchfall (RDS-D) oder einem Mix aus beiden (RDS-M). Deshalb sind neben Verstopfung und/oder Durchfall auch Bauchschmerzen, Blähungen, Völlegefühl, Krämpfe und Übelkeit Symptome. Deren Dauer und Schweregrad können zudem variieren.

Warum Reizdarmpatient:innen höhere Mastzell-Levels haben

Reden wir also über die Mastzellen. Anders gesagt jene Blutkörperchen, die in verschiedenen Geweben deines Körpers vorkommen. Sie enthalten Granula mit Histamin, und aktivieren sich aufgrund von von allergischen Reaktionen, Infektionen, Krankheiten und anderen Auslösern. Was dann folgt nennt man eine Degranulation – die Freisetzung von Histamin, die eine Entzündung auslöst. Nachgewiesen ist, dass Menschen mit Reizdarm tendenziell mehr Mastzellen im Darm aufweisen, als Menschen ohne. Deshalb zeigen sie wenig überraschend auch höhere Histaminwerte (8). Aus beidem zusammen ergibt sich folgende Erkenntnis: eine erhöhte Anzahl an Mastzellen plus eine gesteigerte Histaminproduktion könnten also die Ursache für Reizdarm-bedingte Probleme sein. Damit sind wir beim Zusammenhang von Reizdarm, Histamin und Mastzellen angelangt.

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Der Histaminstoffwechsel bei Reizdarmpatient:innen

Das Enzym Diaminoxidase (DAO) spielt infolge dessen eine entscheidende Rolle im Histaminstoffwechsel. Die DAO baut einerseits überschüssiges Histamin im Körper ab, und trägt andererseits zur Regulierung des Histaminspiegels bei, und lindert Symptome einer Histaminintoleranz. Bei chronischen Darmentzündungen und -infektionen ist der DAO-Enzymspiegel entsprechend häufig vermindert, die DAO-Aktivität reduziert. Folglich kann daraus eine Histaminansammlung und Symptome einer Histaminintoleranz, einschließlich Verdauungsbeschwerden entstehen. Dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einem niedrigen DAO-Enzymspiegel und einer Histaminose mit verschiedenen Verdauungsproblemen, wie dem Leaky-Gut-Syndrom, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und dem Reizdarmsyndrom, wurde in Studien bereits belegt (14, 15, 16, 17). Ein pflanzliches DAO-Enzym zu geben, kann histaminbedingte Muskelkontraktionen im Darm reduzieren und dadurch Reizdarm-Symptome lindern (18).

Histaminintoleranz und viszerale Hypersensitivität

Es ist gut möglich, dass du auch von viszeraler Hypersensitivität betroffen bist. Damit umschreibt man Schmerzen oder eine Überempfindlichkeit im Darm, die viele Reizdarmpatient:innen leider nur allzu gut kennen. Gibt es einen Grund für diese Schmerzen? Vermutlich ja. Es gibt Studien, die darauf hin deuten, dass Histaminrezeptoren im Darm die Empfindlichkeit gegenüber Histamin erhöhen, und so Reizdarmsymptome auslösen. Eine Aktivierung der Mastzellen kann die viszerale Hypersensitivität zudem verstärken. Deshalb können Antihistaminika bei der Behandlung von Reizdarm und viszeraler Hypersensitivität auch wirksam sein (19, 20).

Thema SIBO bei Reizdarm

Der Grund für einen Reizdarm liegt häufig in einer bakteriellen Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO). Allerdings ist die SIBO auch eine Ursache für Histaminose (Histaminintoleranz), da sich im Dünndarm histaminproduzierende Bakterien vermehren (21). Bestimmte Bakterien, darunter L. casei und L. bulgaricus, werden zudem mit einer erhöhten Histaminproduktion in Verbindung gebracht (23, 24, 25). Das bedeutet, dass die Einnahme von Probiotika mit Milchsäurebakterienstämmen die Histaminintoleranz, die SIBO und die Symptome des Reizdarmsyndroms sogar verstärken kann. Die Wahl von Probiotika auf Sporenbaisis ist daher sicherer.

Low Foodmap als Lösungsansatz

Wenn du eine Reizdarm-Diagnose hast, wurde dir möglicher Weise bereits eine FODMAP-arme Ernährung empfohlen. Wenn ja, da ist was dran. Denn sie zählt nicht ohne Grund zu den häufigsten Ernährungsempfehlungen in diesem Zusammenhang. Das interessante daran ist: du kannst damit nicht nur deine Verdauungsbeschwerden lindern, sondern auch den Histaminspiegel im Urin senken (21). Aus dieser Histaminreduktion ergibt sich, dass sich Reizdarmpatient:innen mit einer FODMAP-armen Ernährung oft besser fühlen.

Reizdarm, Histamin und Mastzellen: Das Fazit

Was folgern wir aus all diesen Fakten? Dass die Behandlung einer Histaminintoleranz und/oder Mastzellaktivierung entscheidend für die Verbesserung deiner Darmgesundheit und damit auch die Linderung deiner Reizdarmsymptome ist.

  • Eine histaminarme Ernährung ist im ersten Schritt hilfreich, sollte aber nicht dazu führen, dass du dich auf immer weniger Lebensmittel beschränkst.
  • Leidest du unter einer Histaminintoleranz, einem Reizdarmsyndrom und einer zugrunde liegenden bakteriellen Fehlbesiedlung (einschließlich SIBO), kann eine FODMAP-arme Erährung helfen.
  • Greif auf jeden Fall zu vollwertigen, frischen und nährstoffreichen Lebensmitteln, die deinen Körper nähren, stärken, und ihm Energie geben.
  • Bio-Produkte anstelle von pestizid-belasteten konventionellen Produkten sind die bessere Wahl, denn damit kommt dein Körper besser zurecht.
  • Versuche deinen Histaminspiegel zu senken, indem du deinen Stress zu reduzierst. Dabei sind beispielsweise Yoga Nidra, Meditation oder Waldbaden hilfreich.
  • Priorisiere deinen Schlaf, denn 7 bis 9 Stunden erholsamer Schlaf sind ein Must-Have. Hör dazu gern das Interview über Schlaf, Stress und das Immunsystem mit Dr. Corinna Geiger.
  • Arbeite an der Mastzellstabilisierung mit Quercetin, Vitamin C, anderen natürlichen Mastzellstabilisatoren. Auch die Einnahme von DAO kann helfen.
  • Wenn es dir möglich ist, lass dich durch eine Spezialist:in begleiten. Denn ein individualisiertes Behandlungs-Konzept ist immer am hilfreichsten.

💡 Hinweis: Dieser Artikel stammt inhaltlich von Dr. John Gannage, Mediziner und Mastzellspezialist aus Kanada. Übersetzung: Mag. Alexandra Binder. Er dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Infolgedessen wird eine Haftung für daraus abgeleitete Handlungen ausgeschlossen.

Frequently Asked Questions (FAQs)

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Mastzellen, Histamin und dem Reizdarmsyndrom?

Menschen mit einem Reizdarmsyndrom (RDS) weisen in der Regel eine erhöhte Anzahl an Mastzellen im Darm auf. Wenn diese Mastzellen aktiviert werden, setzen sie vermehrt Histamin frei. Diese Kombination aus einer erhöhten Mastzellendichte und gesteigerten Histaminwerten gilt als eine der Hauptursachen für reizdarmbedingte Beschwerden.

Quelle:
1. Krammer L, Sowa AS, Lorentz A. Mast Cells in Irritable Bowel Syndrome: A Systematic Review. J Gastrointestin Liver Dis. 2019;28(4):463–472.
2. Barbara G, Stanghellini V, De Giorgio R, et al. Activated mast cells in proximity to colonic nerves correlate with abdominal pain in irritable bowel syndrome. Gastroenterology. 2004;126(3):693–702.

Warum kann der Verzehr von Gluten Reizdarm- und Histaminsymptome verstärken?

Gluten kann die Freisetzung von Zonulin steigern. Dieses Protein reguliert die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Ein dauerhaft erhöhter Zonulinspiegel kann zu einer gestörten Darmbarriere (Leaky-Gut-Syndrom) führen. Dadurch steigt sowohl das Risiko für eine Histaminintoleranz als auch für typische Reizdarmbeschwerden. Zudem sind viele glutenhaltige Produkte hoch verarbeitet und enthalten von Natur aus viel Histamin.

Welche Rolle spielt das Enzym DAO bei Reizdarm?

Das Enzym Diaminoxidase (DAO) ist für den Abbau von überschüssigem Histamin im Körper zuständig. Bei chronischen Entzündungen oder Infektionen des Darms ist die Aktivität dieses Enzyms eingeschränkt. In der Folge reichert sich Histamin im Darm an, was Verdauungsprobleme begünstigt. Die gezielte Zufuhr von pflanzlichem DAO kann helfen, histaminbedingte Muskelkrämpfe im Darm zu reduzieren.

Warum können herkömmliche Probiotika bei SIBO und Reizdarm kontraindiziert sein?

Ein Reizdarm kann mit einer bakteriellen Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO) einher gehen. Da bestimmte Milchsäurebakterien wie Lactobacillus casei oder Lactobacillus bulgaricus die körpereigene Histaminproduktion ankurbeln können, kann die Einnahme klassischer Probiotika die Beschwerden verschlimmern. Wenn du betroffen bist, ist die Nutzung von Probiotika auf Sporenbasis sicherer für dich.

Quellen & Literatur

Dr. John Gannage About Author

Dr. John Gannage, MD, CCFP, FMAPS ist Arzt und Spezialist für integrative und funktionelle Medizin. Er beschäftigt sich mit der Diagnostik und Behandlung chronischer Erkrankungen und hat Expertise im Bereich des Mastzellaktivierungssyndroms (MCAS), der Mastzellinstabilität und Histaminosen. Weitere Schwerpunkte seiner medizinischen Arbeit sind klinische Ernährung, Ernährungsmedizin, Immunregulation, chronische Entzündungen, oxidativer Stress sowie die Zusammenhänge zwischen Darm, Mikrobiom, Immunsystem und Gehirn. Dr. Gannage ist Gründer und Medical Director von Markham Integrative Medicine in Ontario, Kanada, wo er seit 1998 Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen behandelt. Er verfügt über umfangreiche Ausbildungen in funktioneller Medizin und klinischer Ernährung und ist Fellow der Medical Academy of Pediatric Special Needs (MAPS).

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