Nachhaltigkeit

Artensterben und Autoimmunerkrankungen: gibt es einen Zusammenhang?

Saftige Wiese mit vielen Blumen und Kräuter: Fördert das Verschwinden der Artenvielfalt Krankheiten?

Ich bin eine Landpomeranze. Gut, eine Zeit lang fand ich das Landleben kleingeistig. Ich war Pariserin. Aber jetzt bin ich wieder richtig gern im Waldviertel. Doch das Land ist anders. Die saftigen Wiesen meiner Kindheit mit Unmengen an Wildpflanzen und Kräutern sind verschwunden. Was mich zu einer neuen These bringt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Artensterben und Autoimmunerkrankungen, die ja rasant ansteigen?

Die Kühe meines Opas in den 1970ern haben sie noch gefressen. Die unterschiedlichsten Arten an Wildpflanzen. Vermutlich hat deshalb ihre Milch so gut geschmeckt. Und war verträglicher. Ich selbst habe noch den Duft in der Nase, wenn er gemäht hat und mit dem Traktor heimtuckerte. Hinten drin lag ich im Wagen voll mit Gras und Kräutern, grade mal sechs. Mama B.s Gedanken zur Entwicklung seit damals sind ein klitzekleines bisschen weniger romantisch. Sie meint lapidar: „Es wird heute zu oft gemäht. Du siehst ja kaum mehr Pflanzen. Außer Hahnenfuß, und der ist giftig.“ Seitdem denke ich denke immer öfter über einen möglichen Zusammenhang zwischen Artensterben und Autoimmunerkrankungen nach.

Der giftige Hahnenfuß: Zum Thema Fördert´das Artesterben Krankheiten.
Sieht schön aus, ist aber eine schwierige Pflanze: Der giftige Hahnenfuß. ©Pixabay

Artensterben und Autoimmunerkrankungen: Gibt es einen Zusammenhang?

Die unbeantwortete Frage ist: Könnte ein Grund für das rasante Ansteigen vieler Krankheiten nicht auch daran liegen, dass wir ein funktionierendes System kaputt gemacht haben und jetzt die Konsequenzen serviert kriegen? Doch warum sterben immer mehr Arten? Weil es in der modernen Landwirtschaft bei einer Wiese allem voran darum geht, energiereiches Futter mit hohem Eiweißgehalt zu erzeugen. Diesen Futterwert bringen Gräser. Das ist aber noch nicht das alleinige Problem.

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Fakt: Die Wiesen werden viel zu intensiv gedüngt und zu häufig gemäht

Fünf oder mehr Schnitte pro Saison macht man heute, um Silage herzustellen. Silage ist ein durch Milchsäuregärung konserviertes Futtermittel, wie Gras. Früher brauchte man für Heu maximal drei Schnitte. Wenn überhaupt. Bestäubende Insekten wie Honigbienen, Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge und Co. trifft das hart. Sie sind ja auf den Pollennektar der Blüten angewiesen. Mit der ständigen Mahd wird ihnen dauerhaft das Futter entzogen. Und für uns wird sichtbar: Unsere Wiesen werden artenärmer.

Können sich die Bauern die Artenvielfalt wirklich nicht mehr leisten?

Mehr Artenvielfalt bringt weniger Erträge und finanzielle Einbußen, heißt es von Seiten der Landwirte. Die Schweizer Graslandforscherin Nina Buchmann kennt das Problem:

“Bio­di­ver­si­tät gilt bei Bauern oft als nicht ren­ta­bel. Dabei kann sich absolut rech­nen”.

Nina Buchmann, Graslandforscherin

Aber da geht noch mehr: “Land­wir­te, die Ar­ten­viel­falt auf ih­ren Wie­sen und Wei­den för­dern, kön­nen sogar hö­he­re Um­sät­ze er­zie­len”, sagt Buchmann. Zusammen mit ihren Kol­le­gen hat sie die öko­no­mi­schen Mehr­wer­te der Ar­ten­viel­falt in ei­nem Grasland-​Experiment gezeigt. “Un­se­re Re­sul­ta­te zei­gen, dass sich der Ar­ten­reich­tum auf al­len Wie­sen öko­no­misch po­si­tiv aus­wirkt. Egal, ob sie nur ein­mal oder vier­mal im Jahr ge­mäht und ge­düngt wer­den.” Bei in­ten­si­ve­rer Be­wirt­schaf­tung sei es al­ler­dings schwie­rig, die Ar­ten­viel­falt hoch zu hal­ten. Nur we­ni­ge Pflan­zen­ar­ten ertragen das Dün­gen und häu­fi­ge Mä­hen.

Warum der Artenreichtum eigentlich eine Ri­si­ko­ver­si­che­rung ist

In die­ser Deut­lich­keit hät­ten die For­schen­den ih­re Re­sul­ta­te nicht er­war­tet. Da­bei ha­ben sie mehrere Fak­toren noch gar nicht ein­ge­rech­net. Dass das Artensterben und Krankheit beim Menschen zusammenhängen. Und: “Die Bio­di­ver­si­tät ist auch ei­ne Art Ri­si­ko­ver­si­che­rung”. Ar­ten­rei­che Gras­län­der könn­ten Ex­tre­m­er­eig­nis­se wie Dür­ren oder Über­schwem­mun­gen bes­ser weg­ste­cken. Ver­schie­de­ne Pflan­zen­ar­ten reagieren un­ter­schied­lich auf sol­che Um­welt­ein­flüs­se und kompensieren et­wai­ge Aus­fäl­le teil­s. “Die Er­trä­ge wer­den über die Zeit sta­bi­ler.”

Eine artenreiche Wiese: Zum Thema Artensterben und Autoimmunerkrankungen.
Bestäubung und Wasserqualität werden durch Artenreichtung gestärkt, Erträge und Umsatz steigen.

Eine größere Pflanzenvielfalt lohnt sich nachgewiesen für alle

Die For­schen­den se­hen in ih­ren Er­geb­nis­sen ei­nen kla­ren Hin­weis, dass es sich für Land­wir­te lohnt, stär­ker auf ei­ne größere Pflan­zen­viel­falt in ih­ren Wie­sen und Wei­den zu ach­ten. “Ar­ten­rei­ches Gras­land zu er­hal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len, kann zu ei­ner Win-​Win-Situation füh­ren.” Nicht nur würden die Er­trä­ge und der Be­triebs­um­satz stei­gen. Gleich­zei­tig werde die Be­stäu­bung und die Was­ser­qua­li­tät ge­stärkt und ge­för­dert.

Wie das Artensterben die Lebensmittel-Qualität beeinflusst

Unsere Lebensmittel haben mit unserer Gesundheit zu tun. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Und das Artensterben beeinflusst die Qualität dieser Lebensmittel massiv. Unsere Nutztiere sind davon betroffen. Und damit auch wir. Du als Mensch stehst am Ende der Kette. Schließlich isst du die Milchprodukte und das Fleisch der Nutztiere. Dass die sich verschlechternde Qualität unserer Nahrungsmittel uns krank machen kann, das ist eine Milchmädchenrechnung. Aber was sagt die Wissenschaft aktuell zu meiner These? Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Biodiversitätsverlust, veränderter mikrobieller Exposition und immunvermittelten Erkrankungen. Ein direkter kausaler Zusammenhang mit dem Anstieg von Autoimmunerkrankungen ist nicht bewiesen.

Ich muss kein Arzt sein, um die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Artensterben und Krankheiten etwas miteinander zu tun haben.

Alexandra Binder

Sicher ist dagegen: Wir werden nicht überleben, wenn es keine Insekten mehr gibt. Weil wir das wissen, sollten wir unsere Verbrauchermacht nutzen. Was das heißt? Möglichst bei Bauern oder zumindestens biologisch einkaufen und die Artenvielfalt fördern. Was meinst du dazu?

Willst du mehr über solche Zusammenhänge lesen? Dann ist der Artikel, darüber, wie sich unser Fleischkonsum auf Südamerika auswirkt vielleicht spannend für dich.

Quellen und Literatur

Mag. Alexandra Binder About Author

Alexandra Binder ist Fachjournalistin für Human- und Veterinärmedizin mit rund 30 Jahren Berufserfahrung sowie einem Studium der Kommunikationswissenschaft. Sie veröffentlichte unter anderem in Medizin Populär und dem österreichischen Klinikguide. Als Gründerin von Autoimmun Lifestyle verbindet sie evidenzbasierte Medizin mit persönlicher Erfahrung rund um Autoimmunerkrankungen, Hashimoto-Thyreoiditis, MCAS, Histaminintoleranz und chronische Beschwerden. Ihr Schwerpunkt liegt darin, wissenschaftliche Studien verständlich einzuordnen und komplexe medizinische Zusammenhänge alltagsnah aufzubereiten. Ziel ihrer Arbeit ist es, Betroffenen fundierte, unabhängige und gut verständliche Gesundheitsinformationen zur Verfügung zu stellen.

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