Wenn du autoimmunkrank bist, dann weißt du gern, wo deine Lebensmittel herkommen. Wie wäre es also, sie selbst zu kultivieren, zu pflegen und zu ernten? Stellvertretend für andere Großstädte sehen wir uns das Angebot an Urban Gardening in Wien in Form von Selbsternte-Parzellen an, und geben dir Tipps, wo du auch in deutschen Großstädten gärtnern kannst.
Mit den eigenen Händen in der Erde graben, Setzlinge pflegen, sie heranwachsen sehen, und am Ende eine richtig große Gemüse-Ernte einfahren. Das ist der Traum manch urbaner Seele, vom Pensionisten über den Schreibtischtäter bis hin zu frisch gebackenen Eltern, die ihren Kindern ein Stück Natur nicht vorenthalten wollen. Und der von manchem autoimmunkranken Menschen wie mir. Bei mir ist irgendwann das Bedürfnis gewachsen, wissen zu wollen, wo meine Lebensmittel genau herkommen. Schließlich war meine Oma Bäuerin. Also habe ich mich mal umgesehen, und herausgefunden, wie viel Urban Gardening in Wien möglich ist.
Die Geschichte der Wiener Selbsternte-Parzellen
Selbsternteparzelle: Das hört sich vielleicht nach Beamtentum an, ist es aber nicht. Deshalb landen Menschen mit Lust auf Urban Gardening in Wien gern bei Regine Bruno landen, und checken sich ihre eigene Selbsternteparzelle. Bruno ist seit 1987, das war das Jahr nach der Tschernobyl-Katastrophe, die Frau hinter Selbsternte.at, dem vielleicht ältesten Urban-Gardening-Angebot des deutschsprachigen Raumes. Entstanden ist es als Reaktion auf ein zunehmend anonymes Agrarbusiness. Gepaart mit dem Wunsch nach Einblick und aktivem Mittun in einem ausgewählten Teilbereich der Lebensmittelproduktion.
Gut erreichbare Ackerstücke
Neben begeisterten Hobby-Gärtnern braucht es dazu Biobauern mit gut erreichbaren Acker-Grundstücken. Die müssen am Rand oder zumindest im Einzugsbereich von Städten liegen. Und für eine biologisch zertifizierte Selbsternte-Gemüsekultur geeignet sein. Die einen vermieten den anderen dann gegen Jahresentgelt Gemüseparzellen. Die anderen haben Arbeit, Freude und ernten am Ende des Sommers dann die Früchte ihres Werks. Dass die Idee ankommen würde, zeigte sich rasch im Rahmen eines Pilotprojekts, das Regine Bruno mit Landwirt Rudolf Hascha startete. Innerhalb von ein paar Wochen gab es vor über 30 Jahren gleich mal 120 Interessenten.
Biobauern unterstützen beim Urban Gardening in Wien
Bevor jetzt die Angst groß wird, natürlich musst du nicht alles selbst machen. Die Profis leisten ordentliche Vorarbeit. “Im Herbst und im Frühjahr bereiten die Biobauern den Boden fachgerecht vor. Sie säen im Laufe vom April, ziehen oder vermitteln auch Biojungpflanzen für die Nutzer”, sagt Bruno. Zu diesem Zeitpunkt werden dann auch verschieden große Parzellen abgesteckt, die zwischen etwa 20 und 100 qm groß sind.


“Wo in den Jahren davor meist eine einzige Feldfrucht angebaut wurde, kommen hier dann mehr als 20 Kulturen reihenweise in den Boden.” Ende April oder Anfang Mai werden die Gemüseparzellen bis etwa Anfang November an die künftigen Hobbygärtner übergeben. Deren Aufgabe ist dann das Pflegen und Ernten. Dazu gehören zu bestimmten Zeiten auch einige Stunden jäten pro Woche. Gießwasser gibt es überall, oft auch automatische Feldbewässerungen.
Was eine Selbsternte-Parzelle kostet
Der Jahresbeitrag, gestaffelt nach Parzellengröße, Standort und Betreiberaufwand liegt zwischen 100 und 300 Euro. Was Einem als Inhaber einer Selbsternteparzelle passiert? Man darf lustvoll erleben, was Kreislaufdenken und -handeln für den Einzelnen und auch für einen Lebensraum an sich bewirkt. Für die inzwischen über 70jährige Regine Bruno ist es außerdem wichtig, dass die Landwirtschaft in der Stadt nicht aus dem Blickfeld verschwindet: “Selbsternte sehe ich unter anderem auch als bewussten Brückenschlag zwischen zwei Lebenswelten: zwischen Land und Stadt.” Brücken, sagt sie, dienen letztlich dazu, dass Menschen einander auf Augenhöhe näherkommen. „So mag ich das.”
Warum Urban Gardening in Wien auch Treffen und Workshops beinhaltet
Für rund 20 verschiedene Gemüsearten werden die Selbsternte-Parzellen ausgelegt, wobei oft auch noch Reihen frei bleiben, damit man persönliche Lieblingsgemüsearten unterbringen oder mit Raritäten experimentieren kann. Zum Konzept gehört auch das Reden mit den Nachbarn. Deshalb sind die Parzellen nur nummeriert, aber zaunlos. Man trifft sich zudem auf Infotreffen und Workshops. Was oft falsch läuft? Die Neo-Gärtner ersäufen ihre Pflanzen gern mal. Viel gießen ist man von den Balkonkisterln gewohnt. Am flachen Land vertschüssen sich damit aber Aroma und Haltbarkeit, wie Bruno es mal so schön formulierte.
Wie viel man ernten kann
Kommt darauf an, ob du zum Hardcore-Gärtner mutieren willst. Rudi Nemec und Günther Krammer sind solche und haben schon 2006 die Menge des erwirtschafteten Gemüses einer Parzelle bestimmt. Jedes Stück wurde geerntet und gewogen, erläutert Michael Schallmayer in seiner Diplomabeit zum Thema “Urbaner Ackerbau in Wien”. Am Ende stand da die Zahl 450 Kilogramm. Und jetzt Achtung: Diese Menge gewannen sie aus einer Parzelle. Da bekommt der Begriff Selbstversorger gleich noch einmal eine völlig neue Dimension. Allerdings hatten die beiden auch landwirtschaftliche Expertise, eine Ahnung von Mischkulturen, Fruchtfolgen, Schädlingsbekämpfung sowie Reifedauer und waren damals Ganzjahresgärtner.
Ende Oktober ist die Saison vorbei
Für die saisonalen Mieter ist’s Ende Oktober wieder vorbei mit dem hobbybäuerlichen Dasein. Dann kehrt die Winterruhe ein, und der Betrieb kümmert sich wieder um den Boden. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt. Jedenfalls für drei Viertel der Selbsternter. Denn so viele werden im kommenden Jahr zu Wiederholungstätern. Du hast absolut nicht genug Zeit für so etwas? Dann wäre eine Biokiste vielleicht was für dich?
Weitere Selbsternte-Anbieter in Wien
- Biohof Radl: Vorbepflanzte Zellen, verfügbar in verschiedenen Größen, von 20 m² (ideal für Einzelpersonen) bis hin zu 80 m² oder mehr. Standorte: Mehrere Standorte in Wien, zum Beispiel in der Donaufelder Straße und Strebersdorfer Straße im 21. Bezirk.
- Ackerhelden: Vermietet vorbereitete Bio-Gemüsegärten für eine Saison.
Standort: in der Jedlersdorfer Straße im 21. Bezirk. - Haschahof: Bietet einen Pflückgarten, bei dem man Gemüse und andere Produkte für eine Saison pachten kann.
- Wilde Hummel – StadtErnte: Vermietet Selbsternteparzellen in der Angermayergasse in Wien.
Die Bildrechte liegen bei Selbstsernte.at
Urban Gardening in deutschen Großstädten
Dummerweise wohnst du nicht in Wien? Dann gibt es eine gute Nachricht: Auch in deutschen Großstädten gibt es quasi unendliche Möglichkeiten, selbst Gemüse anzubauen. In Berlin bietet beispielsweise Ackerhelden Selbsternte- und Mietgärten an. In München gibt es mit meine ernte ebenfalls Selbstversorgergärten und Gemüsegärten zum Mieten. meine ernte ist auch in weiteren deutschen Städten mit Mietgärten vertreten. Wer in Hamburg gärtnert, findet unter anderem bei Hamburgs Gemeinschaftsgärten Informationen zu verschiedenen urbanen Gartenprojekten

No Comments