“Geh öfter in den Kuhstall, wenn du dauernd krank bist”, sagte meine über 90 geistig noch fitte Oma Rosa. Und recht hatte sie. Belgische Forscher nennen das den Bauernhof-Effekt: Ein Protein, das in der Kuhstallluft und in Rohmilch vorkommt, pusht beim Einatmen das Immunsystem.
Update 2026:
Der Bauernhof-Effekt ist so klar belegt, wie nie zuvor. Ein internationales Forschungsteam hat erstmals identifiziert, welche Bakterien in der Stallluft für den Schutz vor Allergien, Asthma und Heuschnupfen verantwortlich sind. Bestimmte grampositive Bakterien und ihre Stoffwechselprodukte gelangen mit der Stallluft in die Atemwege und beeinflussen dort über die Rezeptoren AhR und PPARγ die Immunregulation. Damit lässt sich erstmals konkret zeigen, wie die mikrobielle Umgebung eines Bauernhofs das Immunsystem vor allergischen Überreaktionen schützen kann.
Es waren einmal: Laura, Hannah und Michael Halbfurter, drei Bauernkinder aus Osttirol mit einer Vorliebe für Rohmilch. 2013 schafften sie es damit zu Wetten dass…? Ihr Talent: die Milch von 20 Kühen des hauseigenen Stalls geschmacklich unterscheiden zu können. Die Wette haben sie gewonnen. Und sie sahen dabei sehr proper, gesund und immunstark aus. Lag das an der Rohmilch? Yep, tat es warscheinlich. Für die Immunstärke der Kids sorgte ein Protein, das sich sowohl in der Rohmilch, wie auch in der Stallluft findet, wie man seit 2015 dank einer Studie von Martijn Schuijs und seinem Forscherteam der Universität Gent weiß, die das Ganze als Bauernhof-Effekt betitelten.
Inhaltsverzeichnis

Gesündere Kids dank Kuhstall und Rohmilch?
Die Halbfurter Kinder heute. Sie sind etwas älter geworden, haben noch eine kleine Schwester dazu bekommen. Aber: Sie sehen noch immer genauso gesund aus wie zu Wetten dass…?-Zeiten. Ob sie noch immer Rohmilch-Trinker:innen sind? Schließlich sind Hanf- und Räucherprodukte mittlerweile ihr Hauptangebot. Bildcredit: www.halbfurter.at
Die aktuelle Studienlage zum Bauernhof-Effekt
Am Anfang war es die Rohmilch, die als Spur zum sogenannten Bauernhof-Effekt führte. Im österreichischen Krankenhaus Schwarzach machte man schon 2001 eine Studie mit 901 Kindern. Man untersuchte, ob im ersten Lebensjahr regelmäßig Rohmilch trinkende Kinder aus ländlichen Regionen im Kindergartenalter seltener an Asthma und Allergien erkrankten, als Supermarktmilch-trinkende. Ganz klar Ja. Eine Londoner Studie des Epidemiologen David Strachan mit 5.000 Kids kam fünf Jahre später zum selben Schluss.
Georg Loss untersuchte eine Testgruppe von 1.000 Schwangeren
Wie auch eine Untersuchung von Georg Loss vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut in Basel. Der hat allerdings Kinder und ihre Mütter untersucht. Seine Testgruppe bestand aus 1.000 Schwangeren in ländlichen europäischen Gebieten. Was er herausfand, bestätigt die bisherigen Erkenntnisse. Bei Kindern, die vor ihrem ersten Geburtstag regelmäßig ungekochte Rohmilch getrunken hatten, war die angeborene Immunantwort aktiver.
Schutz durch unveränderte Molkeproteine
Kuhmilch enthält über 400 verschiedene Bestandteile. Und nicht alle davon mögen das, was die Industrie mit der Milch macht: Pasteurisieren und Homogenisieren nämlich. Die Industrie erhitzt die Milch hoch, um etwaige vorhandene Krankheitserreger zu zerstören. Und natürlich, damit sich keine dicke Rahmschicht oben ablagert. Damit einher geht allerdings, dass die Milch-Eiweiße ihre Struktur und Funktion verändern. Und wenn das passiert, dann ist die Sache auch schon gegessen, weil sie mit an vorderster Front stehen, was den Schutz vor Allergien betrifft. Das wiederum bestätigte “Gabriella”, eine Studie an über 8.000 Kindern in ländlichen Gebieten Süddeutschlands, der Schweiz, Österreichs und Polens. Die zeigte nämlich, dass die Menge an unveränderten Molkeproteinen das Immunsystem im Verdauungstrakt positiv beeinflusst.
Wie Nutztierkontakt das Immunsystem stärkt
Bauernhofkids haben entgegen der Stadtkinder aber nicht nur mit der Rohmilch, sondern auch intensiv mit den dort lebenden Nutz- und Haustieren Kontakt. Und es gibt im Stall jede Menge harmlose Mikroorganismen, die das Immunsystem trainieren. „Die Stadtmenschen leben oft in einer viel zu sterilen Umgebung“, so Immunologe Wolfgang Schamel von der Universität in Freiburg. Gemeint ist damit ein zu geringer Kontakt zu Bakterien, Viren und Parasiten. Und yep, das ist negativ. Heißt das, dass hinter der rasanten Zunahme an Allergien und Autoimmunerkrankungen bei Kindern in westlichen Ländern zu viel Hygiene stecken könnte? Ja, sagt der Immunologe.
Die Hygiene-Hypothese
Der medizinische Begriff dazu lautet “Hygiene-Hypothese”. Der österreichische Gynäkologe Hans Concin stimmt dem zu. Es gelte, sagt er, das Immunsystem mit einer Vielfalt an ungefährlichen Bakterien herauszufordern. Ideale Bedingungen dazu biete der Kuhstall, wo das körpereigene Mikrobiom gestärkt werden könnte. Und genau daraus entwickelte sich ein spezielles Angebot: Kuhstallworkshops für Schwangere & Kids.
Dasselbe Protein in Rohmilch und Stallstaub
Womit wir wieder bei Martijn Schuijs und seinem Forscherteam der Universität Gent sind. Schuijs und sein Team haben herausgefunden, dass es das Enzym A20 ist, dass die Milch und die Luft verbinden, wie sie im Fachmagazin Science erörtern. Atmen wir Stallluft ein, trifft das Protein Beta-Lactoglobulin (BLG) aus der Luft auf das Enzym A20, das sich in den Schleimhäuten unserer Atemwege befindet. Dieser Vorgang aktiviert das Enzym A20 und blockiert so eine Überreaktion des Immunsystems, die zu Allergien und Asthma führen kann, schreibt das belgische Forscherteam. Du kannst jetzt nicht täglich einen Stall besuchen? Verständlich. Die Forscher nennen eine Alternative: Rohmilch. In der findet sich nämlich dasselbe Protein wie im Stallstaub.
Wusstest du, dass man schon vor über 100 Jahren den Einfluss von Stallluft kannte, und Patient:innen mit Asthma & Co. zur Alpenkur schickte? Die Schlafsäle der Kurgäste lagen über dem Stall.
Risiken durch Krankheitserreger in Rohmilch
Du fragst dich, ob Rohmilch wirklich gesund ist? Können da nicht Krankheitserreger drin sein? Da ist tatsächlich was dran. Darum rät etwa Georg Loss Schwangeren oder Säuglingsmüttern nicht, Rohmilch zu trinken, um den Bauernhof-Effekt zu erreichen. Und das trotz der überzeugenden Studien zum Thema Allergien. Denn mitunter auch Salmonellen, Listerien, Campylobacter oder Ehec darin tummeln. Allesamt sind das sehr unlustige Krankheitserreger.
Lässt sich eine Milch ohne gefährliche Mikroorganismen entwickeln?
Daher denkt der Forscher auch bereits laut darüber nach “eine Milch zu entwickeln, die zwar die schützenden Stoffe enthält, aber eben nicht die krank machenden Mikroorganismen.” Wie das gehen könnte? Man könnte die Mikroorganismen durch neue reinigende Filtrationsverfahren erhalten, die die bisherige Erhitzung ablösen. Eine andere Variante wäre, genau die Substanzen der pasteurisierten Milch zuzusetzen, die vor Allergien schützen. Dazu müsste man die aber erst mal genau kennen.
Kurzes Abkochen verändert die Bauernhof-Effekt-Proteine nicht
Gibt es einen Weg, die Rohmilch zu umgehen? Ja. Sie kurz abzukochen. Der beschriebene Effekt der Rohmilch ändert sich nämlich durch kurzes Abkochen nicht. Auch das haben die Genter Forscher herausgefunden. Dann kannst du ja gleich zur so genannten ESL-Milch greifen? Definitiv nein. Denn die wird zwecks quasi ewiger Haltbarkeit besonders hoch erhitzt und beinhaltet am wenigsten vom einst natürlichen Produkt. Halbfett? Auch davon lässt man besser die Finger. Gerade die Milch von Weide-Kühen enthält wichtige Transfettsäuren, die einen beruhigenden, antientzündlichen Einfluss auf die Immunantwort haben.
Die Alternativen zur Rohmilch und der Stallluft
Den Bauernhof-Effekt gibt es tatsächlich bereits in Form einer Pille. Bencard Allergie hat das Molekül aus der Rohmilch in eine frei verkäufliche Lutschtablette namens ImmunoBON® gepackt, die Kinder ab drei Jahren lutschen können. Allerdings beiinhaltet die eine Menge Füllstoffe. Nichtsdestotrotz gibt es dazu bereits eine Studie der Charite Berlin. Die Symptome von Hausstauballergikern verbesserten sich damit deutlich. Wenn Milch dennoch für dich ein No Go ist, dann könnte Benifuuki Grüntee genau dein Ding zur Allergie-Bekämpfung sein. Denn auch zu seinen diesbezüglichen Qualitäten gibt es bereits eine spannende Studienlage.
Quellen & Literatur
- Schuijs, M. J. et al. (2015). Farm dust and endotoxin protect against allergy through A20 induction in lung epithelial cells. Science, 349(6252), 1106–1110.
- Riedler, J. et al. (2001). Exposure to farming in early life and development of asthma and allergy: a cross-sectional survey. The Lancet, 358(9288), 1129–1133.
- Strachan, D. P. (1989). Hay fever, hygiene, and household size. BMJ, 299(6710), 1259–1260.
- Loss, G. et al. (2011). The protective effect of farm milk consumption on childhood asthma and atopy: The GABRIELA study. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 128(4), 766–773.e4.
- Illi, S. et al. (2012). Protection from childhood asthma and allergy in Alpine farm environments—the GABRIEL Advanced Studies. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 129(6), 1470–1477.e6.
- Bergmann, K. C. et al. (2021). Targeted micronutrition via holo-BLG based on the farm effect in house dust mite allergic rhinoconjunctivitis patients – first evaluation in a standardized allergen exposure chamber. Allergo Journal International, 30, 141–149.
Frequently Asked Questions (FAQs)
Beta-Lactoglobulin (BLG) ist mehr als ein Milchprotein: Es dient als Transportprotein für Mikronährstoffe wie Eisen und Zink. In beladener Form gelangt dieser Komplex zu Immunzellen und beeinflusst dort Immunreaktionen. Die bisherige Forschung zeigt, dass ligandengebundenes BLG immunmodulierende Effekte hat und ein tolerogeneres bzw. weniger allergieförderndes Immunprofil begünstigen kann. Genau dieses Prinzip macht BLG für den sogenannten Bauernhof-Effekt interessant: Auch im Stallstaub kommt BLG vor – dort gebunden an Zink. Der regelmäßige Kontakt mit diesen natürlichen BLG-Komplexen wird als ein möglicher Bestandteil des schützenden Bauernhof-Effekts diskutiert und könnte zur Entwicklung einer geringeren Allergieneigung beitragen.
Quellen und Literatur:
1. Mayerhofer, H., Zednik, K., & Pali-Schöll, I. (2022). The extended farm effect: The milk protein β-lactoglobulin in stable dust protects against allergies. Allergologie Select, 6, 111–117. DOI: 10.5414/ALX02246E.
2. Roth-Walter, F. et al. (Messerli Forschungsinstitut der Vetmeduni Wien): The bovine whey protein beta-lactoglobulin carrying iron-complexes acts as a protective agent against allergic sensitization. Clinical & Experimental Allergy.
Der Verlust der Schutzwirkung wird primär mit der thermischen Verarbeitung der Milch in Verbindung gebracht, da Beta-Lactoglobulin hitzeempfindlich ist. Durch das Erhitzen denaturiert das Protein, wodurch es seine dreidimensionale Struktur verändert und seine biologischen Eigenschaften beeinflusst werden. Beim zusätzlichen Homogenisieren wird die Milch zudem unter hohem Druck durch feine Düsen gepresst, um die Fettkügelchen mechanisch zu zerkleinern. Dabei können sich Molkeproteine an die vergrößerte Oberfläche der Fettkügelchen anlagern. Dadurch können sich die immunologisch relevanten Eigenschaften der Milchproteine verändern. Die beobachtete Schutzwirkung von Rohmilch gegenüber Asthma und Allergien wird mit diesen Veränderungen der Milch durch Verarbeitung in Verbindung gebracht; der genaue molekulare Mechanismus ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.
Quellenangaben:
1. Loss, G. et al. (2011). The protective effect of farm milk consumption on childhood asthma and atopy: the GABRIELA study. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 128(4), 766–773.e4.
2. Sozańska, B. (2019). Raw Cow’s Milk and Its Protective Effect on Allergies and Asthma. Nutrients, 11(2), 469.
Der Bauernhof-Effekt wirkt nicht nur über den Darm, sondern auch direkt über die Atemwege. In der Luft eines Kuhstalls befinden sich große Mengen mikrobieller Bestandteile, darunter bakterielle Zellwandbestandteile wie Endotoxine, aber auch Pilzbestandteile und pflanzliche Moleküle. Beim Einatmen gelangen diese Stoffe unmittelbar auf die Schleimhäute der Atemwege. Dieser regelmäßige Kontakt mit einer außergewöhnlich vielfältigen mikrobiellen Umwelt beeinflusst das lokale Ökosystem und die Immunantwort der Atemwege. Die Epithelzellen reagieren auf die kontinuierliche mikrobielle Stimulation anders als auf sterile Umweltbedingungen und können dabei Schutzmechanismen aktivieren, die eine überschießende allergische Entzündungsreaktion begrenzen. So entsteht eine Art immunologisches Training: Das Immunsystem der Atemwege lernt, die Vielzahl harmloser Umweltreize einzuordnen, ohne bei jedem Kontakt eine überschießende Entzündungs- oder Allergiereaktion auszulösen. Genau diese frühe Prägung der Atemwegsimmunität gilt als ein wichtiger Bestandteil des Bauernhof-Effekts und trägt dazu bei zu erklären, warum Kinder, die auf traditionellen Bauernhöfen aufwachsen, seltener Allergien und Asthma entwickeln.
Quellen:
1. Pagani, G. et al. (2026). Gram-Positive Bacteria and the Inverse Association between Farm Exposure and Childhood Asthma. NEJM Evidence. DOI: 10.1056/EVIDoa2500271.
2. Schuijs, M. J. et al. (Universität Gent): Farm dust and endotoxin inhalation prevents allergic asthma by modifying airway epithelial-dendritic cell communication. published in Science.
Die immunprägende Wirkung des Bauernhof-Effekts entfaltet sich besonders während der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit. In diesem kritischen Zeitfenster kann der Kontakt mit einer vielfältigen mikrobiellen Umwelt die Entwicklung des kindlichen Immunsystems beeinflussen und die Entstehung von Allergien und Asthma reduzieren. Ein späterer Kontakt zu Nutztieren kann die bereits bestehende Allergieneigung nicht einfach rückgängig machen. Auch für Erwachsene ist ein vergleichbarer präventiver Effekt nicht ausreichend untersucht. Deshalb lässt sich derzeit nicht belegen, dass ein Aufenthalt auf dem Bauernhof bei Erwachsenen chronische Allergien „löscht“ oder das Immunsystem grundlegend umprogrammiert.
Quellen:
1. Riedler, J., Braun-Fahrländer, C., Eder, W., Schreuer, M., Waser, M., Maisch, S., Carr, D., Schierl, R., Nowak, D., & von Mutius, E.; ALEX Study Team (2001). Exposure to farming in early life and development of asthma and allergy: a cross-sectional survey. The Lancet, 358(9288), 1129–1133.
2. Ege, M. J. et al. (2011). Exposure to environmental microorganisms and childhood asthma. New England Journal of Medicine, 364(8), 701–709.

No Comments