Du willst Blutzuckerspitzen vermeiden? Dann wirf einen Blick auf eine neue israelische Studie, die sich damit beschäftigt, wie Süßstoffe und Blutzucker interagieren. Sie zeigt überraschende Effekte, die Süßstoffe auf auf den Blutzucker und die Darmflora haben.
“Boah, das schmeckt ja widerlich. Willst du mich vergiften?” Das war die Z.sche Reaktion, als ich ihm vor Jahren Stevia in seinen Kaffee unterjubeln wollte. Eh bitte, damals dachte ich, das sei gesünder als Zucker. Man entwickelt sich ja weiter. Der Z. hat den Kaffee in den Ausguss gekippt. Und gut isses. Das weiß ich aber erst seit heute. Denn da bin ich auf eine aktuelle Studie gestoßen. Und die wird vermutlich einiges in Gang bringen. Denn die klare Erkenntnis (Spoiler) daraus ist: Süßstoffe und Blutzucker interagieren. Oder in anderen Worten: Die beiden, das ist keine geritzte Geschichte. Und sie nehmen auch noch Einfluss auf unsere Darmbakterien.
Inhaltsverzeichnis
Süßstoffe und Blutzucker 2022: Warum Zuckerersatzstoffe nicht neutral wirken
Der Mensch gaukelt sich ja gern was vor. So auch damals, im 19. Jahrhundert, als Süßstoffe auf den Markt drängten. “Keine Auswirkung auf den Blutzucker und generell auf den Körper”, hieß es damals. Und weißt du was, bis heute ging man tatsächlich davon aus, dass das so ist. Yep, man kann sich ja lange was vormachen, wenn es um Leckerlis geht. Aber da gibt es einen, der das schon (gut schon ist übertrieben) 2014 in Frage gestellt hat: der israelische Immunologe Eran Elinav vom Weizmann Institute of Science. Er testete an Mäusen, ob das Zuckerersatz-Zeug wirklich derart harmlos ist. Und was stellte sich raus? Süßstoffe beeinflussen den Blutzucker, und sie verändern die Zusammensetzung von Mikroorganismen im Darm. Und was passierte dann? Die Mäuse konnten ihren Blutzucker nicht mehr gut regulieren. Gut, das ist ein Mäuseversuch, meinst du?
Sind Süßstoffe wirklich biologisch inaktiv?
Kürzlich gab es eine spektakuläre Schlagzeile “Studie bestätigt: Süßstoffe nehmen Einfluss auf den Blutzucker.” Bähm. Das lassen wir jetzt mal wirken! Wer lieferte die Schlagzeile? Forscher Eran Elinav, Er rekrutierte 120 Menschen für eine Zuckerersatz-Studie. Sie alle erfüllten eine Bedingung: Praktisch ewig lange durften sie keinen Kontakt zu kalorienfreien Süßstoffen gehabt haben. Dann erhielten sie zwei Wochen lang täglich mehrere Dosen gängiger Süßungsmittel wie Aspartam, Saccharin, und Sucralose und Stevia. Die Forscher gaben dabei immer Dosen unter der empfohlenen Tageshöchstmenge. Das Ergebnis?
Die Eran-Elinav-Studie: Wie Süßstoffe den Blutzuckerspiegel beeinflussen
- Studienleitung: Eran Elinav (Weizmann Institute of Science, Israel)
- Teilnehmer: 120 gesunde Erwachsene, die mindestens ein Jahr lang keine Süßstoffe konsumiert hatten
- Design: 4 Gruppen bekamen je einen Süßstoff (Aspartam, Saccharin, Stevia, Sucralose); Kontrollgruppe ohne
- Ergebnis:
- Alle Süßstoffe beeinflussten die Glukosetoleranz – bei manchen deutlich
- Der Effekt war individuell abhängig vom Mikrobiom
- Stärkste Effekte bei Saccharin und Sucralose
- Parallel zeigten sich signifikante Veränderungen der Darmflora
Die genannten Zuckerersatzstoffe nehmen auch beim Menschen Einfluss auf die Glukosetoleranz. Das hat selbst den Wiener Ernährungswissenschaftler Jürgen König überrascht. Die bösesten Buben sind dabei Saccharin und Sucralose. Glukosetoleranz, what the Hell ist das noch mal genau? Bei diesem Wert geht es darum, wie gut der Körper den eigenen Blutzuckerspiegel regulieren kann, und wie schnell er Insulin produziert, damit die Glucose an ihren Zielort gebracht, und dort in Energie umgewandelt wird. Funktioniert die Glucosetoleranz nicht mehr, winken Insulinresistenz, Prädiabetes und irgendwann Diabetes.
Die Kernaussagen: Beeinträchtigung der Glukosetoleranz durch Zuckerersatz
- Süßstoffe sind nicht neutral: Sie beeinflussen den Blutzuckerstoffwechsel
- Die individuelle Reaktion hängt stark vom Darmmikrobiom ab
- Saccharin und Sucralose sind besonders problematisch
- Eine Störung der Glukosetoleranz ist möglich, selbst bei „unbedenklichen“ Mengen
- Das Mikrobiom spielt eine Schlüsselrolle bei der Reaktion auf Süßstoffe
Warum verursachen Süßstoffe Blutzuckerspitzen (Spikes)?
Warum sich die Stoffe auf den Blutzuckerspiegel und den Energiehaushalt der Menschen auswirken, ist dummer Weise noch nicht wirklich klar. Dazu braucht es weitere Forschung. Interessant wäre zudem gewesen, wie sich der Blutzucker beim aktuellen Liebling der Health-Szene – Erythrit – entwickelt. Aber es gibt schon eine mutmaßliche Erklärung, bei der der Menschenverstand sagt: “Ja, das ist relativ plausibel”.
Störung des Darmmikrobioms: Die Schlüsselrolle der Darmflora
Die veränderte Glukosetoleranz könnte mit Veränderungen der Darmflora nach dem Konsum von Stevia und Co. zusammenhängen. Die zeigten sich nämlich auch noch in dem Experiment. Das macht die Sache nicht weniger brisant.

Süßstoff hat viele Namen
Werden Süßungsmittel in Lebensmitteln verwendet, muss auf dem Etikett der Hinweis “mit Süßungsmittel(n)” stehen und sie müssen in der Zutatenliste als Zusatzstoffe mit ihrem konkreten Namen oder der entsprechenden E-Nummer angeführt werden. Bei Süßstoffen sind das u. a.: E 950-1521. In energiereduzierten Lebensmitteln findet man meist Acesulfam (K), Aspartam, Cyclamat und Saccharin.
Versteckte Zusatzstoffe: Unter welchen Namen & E-Nummern sich Süßstoffe tarnen
Die genauen Effekte von kalorienfreien Süßungsmitteln wird man erst in Langzeitstudien wirklich feststellen können. Für dich ist das irrelevant, du konsumiert so etwas sowieso nicht? Unwahrscheinlich. Wir tun es quasi alle. Industrielle hergestellte Produkte haben meist eine ellenlange Liste an Inhaltsstoffen. Und da findet sich häufig neben Zucker auch ein Süßstoff. Ich scanne die Zutaten immer auf Gluten, aber mehr schaue in den seltenen Fällen, in denen ich so was konsumiere, oft nicht. Vor allem, wenn ich unter Zeitdruck bin. Das werde ich nach meinem heutigen Wissen verändern. Lies dich gern selbst in die Studie zu Süßstoff und Blutzucker nachlesen ein.
Natürliche, zuckerfreie Alternativen für eine antientzündliche Ernährung
Zum Schluss noch eine gute Nachricht, wenn du auf Süßes nicht verzichten willst. Es gibt natürliche, traditionelle Varianten – solche, die schon immer ohne industrielle Zuckerersatzstoffe auskamen. Mein Favorit: Castagnaccio, der italienische Kastanienkuchen – völlig industriezuckerfrei und wunderbar aromatisch.“ Hier geht´s zum Castagnaccio-Rezept!
Quellen und Literatur
- Suez, J., Cohen, Y., Valdés-Mas, R., Uzan-Yulzari, A., Seo, J., […] & Elinav, E. (2022). Personalized microbiome-driven effects of non-nutritive sweeteners on human glucose tolerance. Cell, 185(18), 3307-3328.
- Suez, J., Korem, T., Zeevi, D., Zilberman-Schapira, G., Thaiss, C. A., […] & Elinav, E. (2014). Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota. Nature, 514(7521), 181-186.
- Debras, C., Chazelas, E., Srour, B., Druesne-Pecollo, N., Esseddik, Y., de Edelenyi, J., […] & Touvier, M. (2022). Artificial sweeteners and risk of cardiovascular diseases: results from the prospective NutriNet-Santé cohort. BMJ, 378, e071204.
- Witkowski, M., et al. (2024). Ingestion of the Non-nutritive Sweetener Erythritol Enhances Platelet Reactivity and Thrombotic Potential in Healthy Volunteers. Arteriosclerosis, Thrombosis, and Vascular Biology, 44(9), 2136–2141. (Sowie Folgestudien zur Mendel-Randomisierung der University of Colorado, 2026).
- Blasche, S., Periwal, V., Beristain Covarrubias, N., Lindell, A., Roux, I., Kamrad, S., Mozzachiodi, S., Bradley, R., Ozgur, H., Ramachandran, B., Benes, V., & Patil, K. R. (2026). Common xenobiotics modulate gut microbial responses to low-calorie sweeteners in vitro. Molecular Systems Biology. Online ahead of print, 25. Juni 2026.
- Schiffman, S. S., Scholl, E. H., Furey, T. S., & Nagle, H. T. (2023). Toxicological and pharmacokinetic properties of sucralose-6-acetate and its parent sucralose: in vitro screening assays. Journal of Toxicology and Environmental Health, Part B, 26(6), 307–341.
Frequently Asked Questions (FAQs)
Ja. Forscher der Cleveland Clinic konnten zeigen, dass der weit verbreitete Zuckeraustauschstoff Xylit die Blutplättchen stärker aktivieren und die Thrombusbildung fördern kann. Laut der im European Heart Journal veröffentlichten Studie von Witkowski et al. war ein hoher Xylit-Spiegel im Blut zudem mit einem signifikant höheren Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden.
Quelle: Witkowski, M. et al. (2024). Xylitol is prothrombotic and associated with cardiovascular risk. European Heart Journal, 45(27), 2439–2452.
Künstliche Süßstoffe können die sogenannten Tight Junctions (Zell-Zell-Verbindungen) beeinflussen, die den Darm abdichten. Eine im Fachjournal Nutrients veröffentlichte Laborstudie zeigte, dass verschiedene künstliche Süßstoffe das wichtige Oberflächenprotein Claudin-3 herunterregulieren können. Dadurch kann sich die Durchlässigkeit der Darmbarriere erhöhen.
Quelle: Shil, A., Olusanya, O., Ghufoor, Z., Forson, B., Marks, J. & Chichger, H. (2020). Artificial Sweeteners Induce Changes in the Intestinal Barrier Function and Gut Microbiota. Nutrients, 12(6), 1862
Süßgeschmack aktiviert Signalwege, die normalerweise mit der Aufnahme energiereicher Nahrung verbunden sind. Bei kalorienfreien Süßstoffen bleibt die entsprechende Kalorienzufuhr jedoch aus. Dadurch können sich die Signale für Süßgeschmack, Belohnung und Energiezufuhr voneinander entkoppeln. Dies wird als mögliche Erklärung dafür diskutiert, warum Süßstoffe bei manchen Menschen Appetit oder das Verlangen nach Süßem beeinflussen können. Die Suez-Elinav-Studie zeigt zudem, dass die individuellen Reaktionen auf Süßstoffe sehr unterschiedlich ausfallen.
Quelle: Suez, J. et al. (2022). Personalized microbiome-driven effects of non-nutritive sweeteners on human glucose tolerance. Cell, 185(18), 3307–3328.e19
Ja, die Veränderungen können reversibel sein. In der Suez-Elinav-Studie von 2022 unterschieden sich die individuellen Reaktionen auf Süßstoffe deutlich. Bei einigen Teilnehmern veränderte sich das Darmmikrobiom und damit verbunden die Glukosetoleranz; nach Beendigung der Süßstoffexposition gingen diese Veränderungen wieder zurück. Die Studie belegt jedoch nicht, dass die Erholung grundsätzlich mehrere Wochen dauert oder dass Menschen mit einer „vorgeschädigten Darmflora“ länger zur Regeneration brauchen.
Quelle: Suez, J. et al. (2022). Personalized microbiome-driven effects of non-nutritive sweeteners on human glucose tolerance. Cell, 185(18), 3307–3328.e19

1 Comment
Vanessa
21. Juli 2026 at 16:37Ja, die Auswirkungen von Süßstoffen (vor allem auf die Darmflora) sind nicht zu unterschätzen, wie immer wieder berichtet wird:
https://herzmedizin.de/fuer-aerzte-und-fachpersonal/newsroom/herzerkrankungen/praevention/suessstoffe-alles-andere-als-harmlos
https://wellness.doktorabc.com/de/gesundheit/was-zuckerfrei-bei-diabetes-wirklich-bedeutet/
Danke für die verständlichen Zusammenfassungen der Studien!