Ernährung

Wie gesund ist die Planetary Health Diet?

Planetary Health Diet

Warum ich nicht so ganz an den Speiseplan zur Rettung der Welt glaube. Der Versuch einer kritischen Annäherung an die Planetary Health Diet.

Du kannst die Welt jetzt mit Essen retten. Alles, was Du dafür täglich tun musst: Zwischen sieben und 14 Gramm Rindfleisch oder ein Viertel eines mittelgroßes Ei schlemmen, 300 Gramm Gemüse, 200 Gramm Obst, 50 Gramm Nüsse, 75 Gramm Hülsenfrüchte, 250 Gramm Milchprodukte und 232 Gramm Getreide. Das sage übrigens nicht ich, sondern die rennomierte Lancet-Kommission. Die besteht aus einem Konsortium von 37 Experten aus 16 Ländern aus den Bereichen Gesundheit, Ernährung, ökologische Nachhaltigkeit, Lebensmittelsysteme, Wirtschaft und Politik.

Wie wir essen, beeinflusst den Klimawandel

Wir müssen umdenken, sagen die Forscher, weil die Welt bis 2050 auf 10 Mrd. Menschen anwachsen wird: “Mehr als 800 Millionen Menschen haben zu wenig Nahrung, während viele andere eine ungesunde Ernährung konsumieren, die zu vorzeitigem Tod und  Krankheiten führt”, so Walter Willett von der Harvard University. Ko-Autor Tim Lang von der Universität London wird noch deutlicher. “Wir sind in einer katastrophalen Situation”, sagt er. “Die Art und Weise, wie wir essen, ist einer der Hauptgründe für den Klimawandel, den Verlust von Biodiversität und für Krankheiten wie Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.”

Was sich mit der “Planetary heath diet” konkret verändern würde?

Beispielsweise würden wir doppelt so viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Nüsse essen, dafür aber halb so viel Fleisch und Zucker. Klingt gut, aber ist das tatsächlich gesund? Es gibt eine Unmenge an Menschen weltweit, die Verdauungsprobleme haben. Bei allen chronischen Krankheiten, das ist mittlerweile gut belegt, spielt der Darm und sein Mikrobiom eine große Rolle. Und all die feschen Leaky Guts sollen auf einmal hauptsächlich auf schwer verträgliche, lektinreiche Hülsenfrüchte als Proteinquelle umsteigen? Ja natürlich sind Hülsenfrüchte nährstoffreich, aber man muss sie auch vertragen. Wie mittlerweile mit Studien belegt ist, schaden die enthaltenen Lektine dem Darm. Und selbst intakte Därme profitieren von Hülsenfrüchten nur wirklich, wenn sie traditionell zubereitet sind – sprich gewässert, gekeimt und häufig auch noch fermentiert. Doch wer tut das in dieser schnellebigen Zeit noch? Ist die Linsensuppe im Veggie-Restaurant traditionell zubereitet? In der Regel nicht. Und daheim? Wer denkt sich „Ach, ich wässere und keime mal die Kichererbsen, damit ich morgen Abend einen Eintopf machen kann“?

13 Gramm Ei ist zu wenig

Doch warum überhaupt so viele Hülsenfrüchte? Weil 13 Gramm Ei täglich, wöchentlich nur ein bis zwei Eier sind. Dazu plant Lancet eine Portion rotes Fleisch (etwa ein Burger-Pattie), eine Portion Hühnerfleisch und eine Portion Fisch in der Woche. Im Monat geht sich ein großes Steak aus. Aber das ist eben nicht genug Eiweiß. Daher kommt der Rest aus pflanzlichen Quellen, Nüssen und Hülsenfrüchten – Bohnen, Linsen, Kichererbsen und Co. Obst und Gemüse sollten die Hälfte jeder Mahlzeit ausmachen.

Essen für Weltretter

Diese Nahrungsmittel sieht die Lancet Kommission für Weltretter vor. Was nicht berücksichtigt wurde, ist allerdings die globale Unmenge an Menschen, deren Darm bereits angeschlagen ist, und die etwa die tägliche Portion Hülsenfrüchte oder Milchprodukte nicht verdauen können.

Wie gesund sind „gute“ Fette?

Auch dazu zwei Gedanken: Ob Pflanzenöle – Olivenöl ausgenommen, so gesund sind, wie die Lancet Komission sie einstuft, darf bezweifelt werden. Abgesehen vom schlechten Omega 3/Omega 6-Verhältnis der meisten, werden sie oft stark behandelt. Dazu kommt der Transport und die teils lange Lagerung im Supermarkt. Es ist nicht abwegig, dass manche Pflanzenöle schon beim Kauf ranzig sind. Mit Sicherheit unsinnig dagegen ist die Verunglimpfung sämtlicher gesättigter Fette, die Mitte des 20. Jahrhunderts eingesetzt hat: Ghee etwa gilt im Ayurveda sogar als Heilmittel. Von daher scheinen mir 12 Gramm gesättigte Fette gegenüber 40 Gramm der als „gut“ bezeichneten, nicht ganz adäquat von der Menge.

“Planetary Health Diet” vs. Realität

Tim Lang sagt: “Die Lebensmittel, die wir essen, und die Art, wie wir sie produzieren, bestimmt über die Gesundheit der Menschen und des Planeten, aber das verstehen wir derzeit gravierend falsch.“ Tatsächlich konsumiert hierzulande jeder 65 Kilogramm Fleisch pro Jahr – das entspricht rund 178 Gramm pro Tag und liegt damit Lichtwelten von den empfohlenen sieben bis 14 Gramm entfernt. Und auch bei den Eiern schlagen wir zu. Der österreichische Pro-Kopf-Konsum lag 2017 bei 239 Stück. Das sind fast 0,7 Eier pro Tag und damit das dreifache des Vorschlags. In anderen Ländern sieht das aber nicht besser aus: Beispielsweise essen die Nordamerikaner fast das 6,5-fache der empfohlenen Menge an rotem Fleisch, während Länder in Südasien nur die Hälfte der empfohlenen Menge essen. Alle Länder essen mehr stärkehaltiges Gemüse (Kartoffeln und Maniok) als empfohlen, wobei die Aufnahme zwischen 1,5-fach über der Empfehlung in Südasien und 7,5-mal in Afrika südlich der Sahara liegt.

Kulturelle Hemmschwellen?

Dass die Umsetzung aufgrund kultureller Essgewohnheiten schwierig sein könnte, lässt Willett aber nicht gelten: „Um gesund zu sein, müssen Diäten eine angemessene Kalorienzufuhr haben und aus einer Vielzahl von pflanzlichen Lebensmitteln, geringen Mengen von tierischen Lebensmitteln, ungesättigten statt gesättigten Fetten und wenigen raffinierten Körnern, stark verarbeiteten Lebensmitteln und zugesetzten Zuckern bestehen. Die von uns vorgeschlagenen Essensgruppen erlauben eine flexible Anpassung an verschiedene Nahrungsmittelsorten, landwirtschaftliche Systeme, kulturelle Traditionen und individuelle Ernährungspräferenzen – darunter zahlreiche omnivore, vegetarische und vegane Ernährungsweisen.“ Als konkrete „Motivationsmaßnahme“ schlagen die Autoren übrigens unter anderem vor, Steuern auf rotes Fleisch einzuführen.

Diäten wie AIP, GAPs und Co. setzen auf viel Fleisch

Auf der anderen Seite stehen Eliminationsdiäten, die aus dem Jammertal der Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Darmprobleme führen. In allen diesen Ernährungsansätzen spielen tierische Produkte, vor allem Fleisch und Fisch, die Hauptrolle. Das AIP beispielsweise setzt auf täglich auf Fleisch bzw. Knochenbrühe und fünf Mal die Woche auf nährstoffreiche Innereien. Und auch bei einer anderen darmheilenden Diät, bei GAPS, spielen tierische Produkte die Hauptrolle. Und offenbar ist da was dran. Denn beide Diäten haben nachweislich einen großen Einfluss auf unser häufig bereits zerstörtes Mikrobiom, das bei Autoimmunkrankheiten immer eine große Rolle spielt. Und damit sind wir bei einer essentiellen Frage:

Was ist mit den chronisch kranken Menschen?

Alleine 650.000 Österreicher und 8 Mio. Deutsche leiden an einer der 81 bekannten Autoimmunkrankheiten. Sollen die jetzt alle schwer verträgliche Hülsenfrüchte (ja auch samt Wässern sind sie nicht leicht zu vertragen) als Hauptproteinquelle nutzen? Das wird und kann so nicht funktionieren. Auch der Ansatz der traditionellen Ernährung nach Weston A. Price, der gerade einen Boom erfährt, geht übrigens nicht d´accord mit dem Ansatz der Planetary Health Diet. Zur Gesunderhaltung legen die Price-Fans den Fokus ebenfalls auf tierische Produkte. Allerdings folgen sie auch dem Grundsatz „From Nose to Tail“ – dh. alle Teile des Tieres zu verwenden. Und es geht im Wesentlichen auch darum, alte Techniken, wie etwa das Fermentieren, wieder zu beleben. Damit wird die Vielfalt des Darmmikrobioms gefördert. Und das sollte immer unser Ziel sein.

Was mir in der Planetary Health Diet aber wirklich fehlt

Das ist der Hinweis, wann und wo immer es geht, ausschließlich biologische Lebensmittel zu konsumieren. Werden weiter munter weltweit so viele Pestizide eingesetzt, wie aktuell, dann sieht es auch künftig schlecht aus mit der Gesundheit des Planeten. Der jährlich erscheindende Global 2000-Pestizid-Atlas zeigt es deutlich: „Noch nie in der Geschichte wurden weltweit so viele Pestizide eingesetzt wie heutzutage.“ In Zahlen liegt die jährlich ausgebrachte Pestizidmenge bei circa 4 Millionen Tonnen weltweit. Und, nein, nicht nur in Südeuropa geht man damit fahrlässig um.

In Pflanzenschutzmitteln, die in Österreich eingesetzt werden, befinden sich 248 verschiedene Wirkstoffe. Darunter finden sich auch zahlreiche Chemikalien mit negativen Folgen für Umwelt und die menschliche Gesundheit: 29 der eingesetzten Wirkstoffe gelten als vermutlich krebserregend, als schädlich für die Fruchtbarkeit und Sexualfunktion oder stehen im Verdacht, Genmutationen auszulösen. Akut oder chronisch hoch giftig für Wasserorganismen sind 93 der zugelassenen Pestizide. Diese Pestizide werden großenteils direkt in die Umwelt freigesetzt.

Pestizid-Atlas 2022 Global 2000
Und wo würde die Umwelt bei der Planetary Health Diet profitieren?

Anbauflächen, die jetzt für Tierfutter verwendet werden, würden für Gemüse- und Hülsenfrüchteanbau frei würden, sagen die Forscher. Die Treibhausgasemmissionen würden weniger, der Wasserverbrauch auch. Und: Es bliebe uns zweifelsfrei eine größere Artenvielfalt erhalten. Gravierende Änderungen würde die “Planetary health diet” für die Landwirtschaft mit sich bringen. Um den Verlust der Biodiversität zu stoppen, müsse die langfristig nachhaltiger agieren und auf fossile Brennstoffe verzichten. Die Forscher plädieren zudem für die Schließung von mindestens zehn Prozent der Meeresgebiete für den Fischfang- einschließlich der Hochseeregion zur Schaffung von Fischbanken. Außerdem müsse die Verschwendung von Lebensmitteln um 50 Prozent verringert werden. Dann würde auch der Mensch profitieren. Diabetes, Fettleibigkeit, Herzinfarkte und andere ernährungsbedingte Krankheiten würde es in der heutigen Ausprägung nicht mehr geben. Elf Millionen frühzeitige Tode könnten jährlich verhindert werden, sagen die Forscher.

Die Planetary Health Diet: Mein persönliches Fazit

Ich persönlich meine, man muss die Geschichte differenzierter betrachten. Auf dem Papier klingt der Ansatz der Planetary Health Diet erst Mal richtig und gut. Damit er in der Praxis funktionieren kann, müssen wir davor allerdings noch einen Menge kranker Därme sanieren. Bio muss im Fokus stehen. Und selbst wenn beides gelingt, dürfte es schwierig werden. Denn, um vorwiegend vegetarisch gesund zu leben, braucht es viel Hintergrundwissen. Dieses Wissen müssten unsere Schulen vermitteln. Das tun sie derzeit nicht. Ich weiß übrigens genau, wovon ich rede. Denn ich habe selbst gut 20 Jahre vegetarisch gelebt. Vermeintlich gesund. Am Ende stand dann Hashimoto, ein kranker Darm und viele andere Baustellen.

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Journalistin, Hashimoto-Hero, Kochwunderwaffe, Achtsamkeits-Anfängerin

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