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Geht gar nicht?

Insekten Essen: Jemand hält ein Insekt mit zwei Stäbchen.

Insekten, Maden, Hühnerfüße essen: Des Europäers Ekelgrenze ist bei solcher Exotik schnell überschritten. Dabei ist nicht alles, was wir essen, viel appetitlicher.

An Maden und Co scheitern gestandene Mannsbilder. Am Insekten essen auch. Das beweist das RTL-Dschungelcamp Jahr für Jahr sehr eindrücklich. Heuer war es Ex-Profiboxer Sven Ottke, den es schüttelte. “Unmenschlich” und “Pervers” brachte er noch raus, dann packte ihn der Würgereiz. Die alten Römer hätten das freilich anders gesehen. Die ergötzten sich nämlich beispielsweise sehr gern an einer Made namens Cossus – dem Weidenspinner. Im Mittelalter standen Insekten und Würmer auf der Speisekarte armer Leute. Vor dem 19. Jahrhundert galten außer Insekten noch Igel, Marder und Fischotter als Delikatesse in Europa. Und noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts aß man in Frankreich mit Vorliebe eine Bouillon aus Maikäfern. Verwunderlich ist das alles übrigens nicht.

Insekten essen ist eine gängige Praxis

Denn der Großteil der tierischen Biomasse ist in den Wirbellosen konzentriert. Es wäre also unvorteilhaft, wenn die Spezies Homo Sapiens diese Eiweißquelle nicht nutzten würde. Und sie tut es. Bis zu 10 Prozent des Eiweißbedarfs deckt man in manchen Regionen der Welt ausschließlich aus Insektennahrung. Die im Übrigen auch noch reich an Mineralstoffen, Vitaminen und cholesterin- sowie kalorienarm ist, da sie nur geringe Fettmengen enthält. Ganz zu schweigen von den Ballaststoffen des Chitin aus dem Panzer.

Heimische Knusperdrohnen gefällig?

Bioimker David Priller macht aus Drohnen, männlichen Bienen, Knusperdrohnen und Bienenkaviar. Die verpuppten Waben werden „geerntet“, vom Wachs befreit und verarbeitet. Drohnen werden von Bienen im Sommer im Überschuss produziert. Ab acht Euro ist man dabei (unbezahlte Werbung).

Rundum gesund

Tatsächlich stellen die Jugendformen Larven und Maden mit ihrem hohen Fettanteil eine besonders wertvolle Nahrung dar. Erstere haben auch nahezu den gleichen Proteingehalt wie Fleisch, wie die mexikanische Molekularbiologin Ana Barba de la Rossa erst kürzlich bestätigte. Sie zeigte sogar, dass eine Mahlzeit, die mit Insektenlarven angereichert wird, nicht nur deren Geschmack verbessert und eine exzellente Proteinquelle ist, sondern auch essentielle Fettsäuren enthält. Grillen zum Beispiel bestehen zu 12,9 Prozent aus Eiweiß, zu 8,6 Prozent aus Fett und zu 5,1 Prozent aus Kohlehydraten. Außerdem enthalten sie 75,8 Milligramm Kalzium und 9,5 Milligramm Eisen pro 100 Gramm. In Vergleich dazu hat Faschiertes 22,5 Gramm Eiweiß und 14 Gramm Fett, keine Kohlehydrate, aber nur 18 Milligramm Kalzium und 2,4 Gramm Eisen pro 100 Gramm.

Unbewusst verzehrt übrigens jeder pro Jahr laut einer Ausgabe des Food-Insects Newsletters 0,5 bis 1 Kilo Insekten – weil sie zum Beispiel in Erdbeermarmelade, Erdnussbutter, Spaghettisauce oder Tiefkühl-Broccoli in winzige Teile zermahlen enthalten sind.

Ist es aber nicht prinzipiell ekelhaft, Insekten und Co. zu essen? Wohl kaum. Noch weniger, wenn man folgende, wissenschaftlich belegte, Tatsachen, betrachtet. Die menschliche Nahrungsauswahl wird im Unterschied zur tierischen nicht durch Instinkt gesteuert. Untersuchungen haben ergeben, dass Kleinkinder bis zum Alter von etwa zwei Jahren noch grundsätzlich bereit sind, alles in den Mund zu stecken und zu essen, selbst Steine oder Käfer.

Ekelgefühle werden erworben

Und zwar sozial. Sie werden aufgrund des Verhaltens der Umwelt erlernt, sind also nicht angeboren. Als ultimativer Beleg dafür gilt eine Untersuchung an 50 Wolfskindern, die außerhalb einer menschlichen Gemeinschaft aufgewachsen waren. Zwar hatten alle Kinder Nahrungsmittelpräferenzen und -aversionen, aber keines zeigte Ekelreaktionen. Und wer etwas genauer hinsieht, merkt, dass europäische Essensgewohnheiten nicht appetitlicher oder gar gesünder sind, als die in anderen Teilen der Welt. Was als “ekelig” oder “schmackhaft” empfunden wird, entscheidet die Gewohnheit. Insekten essen gehört offenbar nicht dazu. Das lässt sich demonstrieren, indem man für den Mitteleuropäer Vertrautes und Unvertrautes gegenüber stellt.

Hühnerfüße vs. Rinderzunge

Muskelfleisch ist das attraktivste Fleisch in unseren Breiten. Nicht so unsere Sache sind dagegen in der Regel ungewöhnliche Körperteile von Tieren.

Außereuropäische Sitten wie der Verzehr von Tieraugen oder Hühnerfüßen stößt auf Unverständnis. Dabei sind exotische Körperteile durchaus Bestandteil der europäischen Küche. Man denke nur an Innereien wie Leber, Niere oder Lunge. Gar nicht zu reden von Gehirn – als Hirn mit Ei – oder Rinderzunge. Ebenfalls verbreitet ist die Sitte, das Blut des Tieres zu verzehren.

Jeder kennt Blutwurst bzw. Blunzen. In anderen Kulturkreisen wird das kategorisch abgelehnt. Nicht verzehrt werden in der Regel rohe Tierprodukte. Der Mitteleuropäer wendet sich mit Grausen ab, wenn er von der thailändischen Sitte hört, rohes Affenhirn zu verspeisen. Und vergisst dabei völlig das für ihn normale Faschierte (Mett, Tartar), den rohen Fisch (u.a. Matjeshering), Fischeier (Kaviar) oder auch die rohen Hühnereier (u.a. in Eierlikör oder Tiramisu), die ihm ohne Problem munden.

Lebendige Nahrung

Die Sitte, Tiere lebendig zu essen, löst bei vielen besonderes Entsetzen aus. In Korea werden beispielsweise frisch gefangene Kraken bei lebendigem Leib zerhackt. Die noch zappelnden Tiere serviert man zusammen mit einer Sauce auf einem Teller Gruselig? Ja, aber die Europäer stehen dem in nichts nach. Aber wir essen frische Austern und werfen Hummer lebendig ins kochende Wasser. Nicht zuletzt ist es Gewöhnungssache, welches Tier man verspeist. In Europa werden zwar Muscheln, Frösche oder Pferde gegessen, aber längst nicht von jedem. Gänzlich verpönt sind uns dagegen Meerschweinchen, die in Südamerika ein Nahrungsmittel sind, und Raubtiere wie zum Beispiel der Hund oder die Zibetkatze, die in Südchina als Wirt des Sars-Virus traurige Bekanntheit erlangt hat. Andererseits gilt das vom Europäer geschätzte Schwein in islamischen Ländern als nicht essbar.

Die Zubereitung macht’s

Auch die Form der Zubereitung spielt eine große Rolle bei der Beurteilung der Nahrung. Wie schrecklich muten dem Europäer Bananenbier (Pombe) und Hirsebier (Merissa) an. In Afrika kauft man dafür im Vorfeld traditionell die Grundstoffe und schließt so die Stärke auf. Durch Spucken wird dann auch noch Speichel hinzugefügt. In Vietnam gibt es eine populäre Sauce, die aus vergorenem Fisch und Meeresfrüchten besteht. Die Japaner verwenden Miso, eine Würzmasse aus verschimmeltem Getreide und Sojabohnenschrot. In ganz Ostasien ist Sojasauce verbreitet, ein Produkt aus vergorenen Sojabohnen. Und schließlich findet man in Teilen Südostasiens angebrütete Vogeleier, eine Mahlzeit für besondere Anlässe. So ekelhaft sich das alles für Europäer anhört: Wir bedienen uns derselben Methoden, lassen Nahrung genauso alt werden und verderben. Zum Beispiel haben wir ein Faible für fermentierte Pflanzen, Stichwort Sauerkraut, und altes, abgehangenes Fleisch.

Asiaten sind dagegen bereits für frische Milch nicht zu begeistern. Noch schlimmer ist in ihren Augen der Genuss verdorbener Milch in Form von Sauerrahm, Kefir, Joghurt oder Schimmelkäse.

Aber nichts kann doch grauenhafter sein, als die in China beliebten Nester von Schwalben zu essen, die aus dem verhärteten Speichel der Vögel bestehen. Aber immerhin essen wir in Europa keine Ausscheidungen von Tieren? Stimmt: Wenn man von Milch und Honig absieht. Waldhonig wird sogar von zwei Tieren ausgeschieden, bevor der Mensch ihn zu sich nimmt – von der Blattlaus und anschließend von den Bienen.

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Journalistin, Hashimoto-Hero, Kochwunderwaffe, Achtsamkeits-Anfängerin

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